Sisyphos oder die Kunst des Scheiterns

In der griechischen Mythologie hat sich der Königssohn Sisyphos durch seine Verschlagenheit den Zorn der Götter zugezogen. Seine ihm letztlich auferlegte göttliche Strafe war es, einen Felsbrock einen steilen Berg hinaufzurollen. Die schwere Kugel entgleitet ihm immer wieder kurz vor dem Gipfel, so dass er stets von vorne beginnen muss. Diese Mythologie prägt noch heute den Begriff "Sisyphosarbeit". Dieser steht für Aufgaben, die mit großen Mühen verbunden sind, wenig sinnhaftig erscheinen und eigentlich nicht bewältigt werden können. Der Existentialist Albert Camus hat im 20. Jahrhundert geschrieben, man müsse sich Sisyphos trotz allem als glücklichen Menschen vorstellen.

Es erscheint in der Nachbetrachtung des Werks von Laurel & Hardy, als wäre nichts passender als der Vergleich zur Situation von Sisyphos. Alles, was sie anpacken, scheint zum Scheitern verurteilt. Und nicht nur das. Häufig endet ihr Schaffen mit einer mittleren bis größeren Katastrophe. Und nicht wenige ihrer Aktivitäten stellen sich im Verlauf des jeweiligen Films als sinnfrei heraus. So meinen die beiden Herren, das Klavier in "The Music Box" eine unendlich lange Treppe hinauftragen zu müssen. Dabei gibt es auch eine direkte Zufahrt zum ganz oben gelegenen Haus des Professors Theodor von Schwarzenhofen. Aber auch kleinere Dinge gehen in schöner Regelmäßigkeit schief. Wenn sie einen Schornstein reinigen sollen, muss man unmittelbar um das ganze Haus bangen. Selbst das Geschirrspülen gerät zur Sisyphosarbeit mit einer Menge Scherben. Als Stan seinem Freund Ollie in "Helpmates" helfen möchte, die Spuren einer wilden Party vor dem Eintreffen seiner Frau zu beseitigen, bringt das Ollie letztlich in existenzielle Nöte. Er steht am Ende ohne Haus da. Der in "A Perfect Day" beabsichtigte Ausflug scheint trotz unzähliger Verabschiedungen von den Nachbarn nie stattfinden zu können. Und in "Swiss Miss" steht einem größeren Transport durch die Schweizer Alpen nicht nur eine Hängebrücke, sondern auch ein merkwürdiger Gorilla im Weg.

Und gleichwohl wird niemand behaubten können, Stan und Ollie würden es nicht immer wieder versuchen. Und das stets mit einem Lächeln und sogar manchmal einem kleinen Tänzchen im Repertoire. Sie haben das Scheitern sogar zu einer Kunstform erhoben. Wenn wir es nicht besser wüssten, würden wir Hal Roach unterstellen, er hätte Laurel & Hardy nach dem Vorbild Sisyphos erschaffen. Nur eines passt ganz sicher nicht: Die beiden Herren wirken zu freundlich und unschuldig, um sich jemals den Zorn der Götter zugezogen zu haben.